Titanic

Als wohl nervigste Hype, den die Filmgeschichte je hervorgebracht hat, ließe sich der um Titanic bezeichnen. Nicht weil er ungerechtfertigt wäre -denn das ist er nicht-, auch nicht weil er zu sehr großen Teilen aus den völlig falschen Begründungen hervorgerufen wurde -denn das trifft auf so gut wie jeden Hype zu-, nein, der Grund für die unsagbare Unerträglichkeit dieses Hypes ist ein ganz anderer; nämlich dass seine enorme Penetranz stetig einen mindestens genauso penetranten und mittlerweile dem allgemeinen Konsens angehörigen Gegenhype aufschaukelt, durch welchen sich teilweise zwischen beiden ein so rückständiges Schwarz/Weiß-Denken zu bilden scheint wie man es sonst kaum für möglich halten würde. So scheinen sowohl Hater als auch Fans sich zu großen Teilen bereits mit der simplifizierten Betrachtung der Thematik abgefunden zu haben, dass Titanic eben ein „weinerlicher Mädchenfilm“ mit Frauenschwarm DiCaprio sei, der Kitsch und Bildgewalt bietet und das Publikum eben insofern zufrieden stellt soweit man auf solche Inhalte steht, sich aber gleichzeitig jeder, der sich ihm verschließt (Tatsächlich geben viele zu, ihn gar nicht mal gesehen zu haben und einfach von Vorn herein auf dessen von der Gesellschaft geprägte Darstellung zu vertrauen, wodurch sie die Schublade, in die sie gesteckt werden, auch noch unterstützen), sich einfach nur zu schade wäre, Gefühle zu zeigen, was eine ziemlich monotone Sicht auf den Konflikt ist. Auf tatsächliche Argumente wird bedauerlicherweise fast nie eingegangen.

Durch die Krönung dieser Anschauung, nämlich die dadurch bedienten Geschlechterklischees, gehen Großteile beider Fronten dem Film selbst kolossal in die Falle, stellt der sich doch eigentlich gerade solchem konservativen Denken entgegen. Dies erfolgt durch viel mehr als den dargestellten Klassenkampf, tatsächlich nutzt Cameron nämlich diesen als Kontext, in den er eine Ausarbeitung seiner bereits im ersten Terminator stark geprägten Rolle des weiblichen Geschlechts setzt: In einer von Männern dominierten Gesellschaft ist die junge Rose DeWitt Bukater, wie ihr Name schon vorgibt eine Blume, eine Rose, die erblühen will, dabei aber unterdrückt wird von der Obrigkeit und in eine Funktion gepresst wird, die ihr in keinster Weise gerecht wird. Von ihrer Familie, die für Wohlstand und Sicherheit die Freude am Leben zugunsten von Monotonie aufgibt, wird sie auf den Zweck der Ehe reduziert, ohne ihr Leben und ihre Sexualität selbst bestimmen zu können. Um eine Befreiung aus dieser Denkweise geht es in Titanic, erfolgend anhand des für einen vervollständigt liberalisierten Lebensstil stehenden Jack Dawson, dem Künstler, in dessen Rolle Leonardo DiCaprio schon so früh seine möglicherweise beste Leinwand-Performance abliefert. Nicht nur stellt er den Gegenpol zu Hockley dar, der nicht an Rose als Person, sondern nur als Ehefrau interessiert ist, sondern vor allem erschafft er eine Figur, deren Lebensfreude eine so vitalisierende Wirkung hat wie sie nur sehr wenige Darsteller zustande bringen und an deren maximaler Freiheit man teilhaben will, selbst angesichts seines Todes am Ende. Titanic ist, untermalt von einem der möglicherweise schönsten und ergreifenden Scores überhaupt (der leider durch Céline Dions nur im Abspann zu hörende, aber immer noch gute Version „My Hearth Will Go On“ bei vielen in Verruf geriet), eine Reise heraus aus patriarchalischer Kontrolle bis hinein in absolute Freiheit, an deren Ende der pure Wert des Lebens steht.

Lukas

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