Generation П

Eines vorweg: Generation П – sowohl das Buch als auch die Verfilmung – ist ein Meisterwerk. Und was anderes vorweg: Sollten sich Viktor Pelewins restlichen Romane auf dem selben hohen Niveau befinden, haben wir es ohne Zweifel mit einem der spannendsten und relevantesten lebenden Autoren zu tun. Der Trumpf von Generation П ist sein Bezug zur Religion. Der Hauptcharakter – Wawilen Tatarskij – ist ein „Creator“ in der Werbebranche, dessen Aufgabe es ist, Werbungen für westliche Produkte wie Sprite oder Nike an die russische Mentalität anzupassen. Dieser thematische rote Faden wird angereichert mit einer spirituellen Sinnsuche, bei der Grenzerfahrungen mit LSD und Fliegenpilzen (sic) gemacht, bei der Kontakte mit Che Guevara und Fjodor Dostojewski aufgenommen und bei der Gott gefragt wird, ob ihm Tatarskijs Werbeentwurf denn gefallen habe. Generell: Zu den besten Einfällen des Romans und des Films gehören die Szenen, in denen sich Tatarskij selbst in den gefährlichsten und verzweifeltsten Situationen seines Lebens Einfälle und Konzepte für einen Werbespot oder Werbeplakat notiert und vermerkt, egal ob im LSD-Delirium oder bei einer Verfolgungsjagd mit Banditen. Sein ganzes Leben scheint der Suche nach dem perfekten Werbeslogan gewidmet zu sein. Da scheint es kein Wunder zu sein, dass – ohne zu viel zu verraten – er am Ende zu einer endgültigen religiösen Erfüllung in der Werbebranche findet.

Pelewin und Ginzburg setzen in Generation П die Werbung mit der Religion gleich, die Werbung wird gar zur Religion, was uns zur Frage kommen lässt, wieso wir uns überhaupt zu Religionen bekennen. Der Grund ist ein relativ simpler: In einer komplizierten Welt geben uns Religionen sowas wie eine Struktur, eine Art Lebensanleitung, am besten erkennbar an den zehn Geboten. Die Welt, die Generation П aber zeigt, ist eine, die nach der Perestroika zwar liberaler, aber auch zynischer geworden ist. Wie selbstverständlich behauptet Tatarskij an einer Stelle, dass er gar nichts glaube. Pelewin weiß, dass wir zwar in einer liberalen Gesellschaft aufgeklärter sind, uns aber immer noch nach einer Struktur, einem Boden unter den Füßen sehnen. An dieser Stelle kommt die Werbung. Im Buch fällt ein kluger und wahrer Satz: „Die Werbung vermarktet kein Produkt, sie vermarktet das Glück.“ Nach diesem Film erschließt es sich mir viel mehr, wieso zum Beispiel in einer Becks-Werbung nicht von den Vorteilen des Konsums dieses Bieres erzählt, sondern wird stattdessen vorgeschrieben wird, dass man seinem inneren Kompass folgen solle. Anleitung zum Glück leicht gemacht. Im Zeitalter des Konsums bekommt die Werbung eine spirituelle Bedeutung, weil wir aufgeklärt genug sind, um nicht an Gott zu glauben und stattdessen etwas handgreifliches zum höheren Prinzip ernennen wollen. Generation П ist ein Meisterwerk der Postmoderne.

Daniel

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