Six Feet Under

Wenn ich mir diverse Kommentare und Texte zu Six Feet Under durchlese, dann fällt mir auf, wie viele vor dieser Serie kapitulieren und sich zu ihrer Unfähigkeit bekennen, die Serie und das, was sie mit ihr erlebt haben, in Worte zu fassen. Ein ziemlich verständliches Gefühl, denn Six Feet Under ist so universal, dass es einem schwer fällt, seine Gedanken und Gefühle zum Ausdruck zu bringen, ohne dabei ausschweifend zu werden. Man möchte am liebsten seine gesamte Lebensgeschichte erzählen und sie mit Six Feet Under in Relation setzen. Man möchte am liebsten über die Organisation schreiben, der man beigetreten ist, in der Hoffnung, dass sie einem helfen könnte, das Leben besser zu gestalten, nur um sich am Ende wie ein Sektenmitglied zu fühlen. Oder über die Konflikte mit den Eltern, wenn man vor allem während der Pubertät anderer Meinung war, weil man an einem Punkt im Leben angelangt war, in dem man mit deren Werten irgendwann nicht mehr d’accord gehen wollte. Man möchte auch über den unangenehmen Bürojob schreiben. Oder über die Beziehungsprobleme, die man empfunden hat. Über die Irrungen und Wirrungen der Liebe. Über existenzielle Ängste. Über Ängste vor dem Tod. Ängste vor dem Verlust.

Es ist ein Verdienst von Alan Ball und von HBO, dass mit sogenannten Tabuthemen so offen umgegangen wird. Kaum zu glauben, mit was für einer Unvoreingenommenheit Inzest, Homosexualität, Pubertät, existenzielle Krisen und Ängste, psychische Krankheiten etc. dargestellt werden. Vielleicht erklärt dies auch den extrem hohen Zuspruch, den Six Feet Under findet. Denn trotz seines sehr scharfsinnigen schwarzen Humors macht die Serie es uns einfach, Zugang zu finden und persönliche Gefühle anzusprechen, die uns vielleicht unangenehm sein können. So findet sich bestimmt jemand, der unter seiner sexuellen Frustration leidet. Oder jemand, der vor Sex, dem wohl intimsten menschlichen Akt, Angst hat. Oder jemand, der von verrückten Eltern traumatisiert wurde. Six Feet Under gibt uns in der Tat Trost. Six Feet Under gibt uns das Gefühl, dass unser Leiden, unsere Exzentrismen, unsere Hoffnungen und Sehnsüchte nichts unnatürliches, krankes, unnormales sind. Es ist eine Serie, die das Leben ernst nimmt, die den Tod ernst nimmt, die den Menschen ernst nimmt. Man kann mit freudiger Gewissheit sagen: Endlich findet sich eine Serie, die uns das Gefühl gibt, dass unser aller Leben lebenswert ist, dass es kein verschwendetes Leben gibt, dass wir alle von Bedeutung sind, dass wir alle unsere eigene Ära, unsere eigene Geschichte erschaffen. Der Tod, unsere Sterblichkeit avanciert dadurch paradoxerweise zu unserem größten Trumpf, denn durch ihn lernen wir das Leben zu schätzen und unser Leben zu leben wie wir es für richtig halten.

Am Tag nachdem ich die letzte Folge gesehen habe, fühlte sich alles intensiver an: das Bett, in dem ich schlief war gemütlicher, die Farben intensiver, die Lieblingsmusik noch schöner, noch mitreißender und das alles, weil ich in den glorreichen Schlussminuten von Six Feet Under mit der größten Selbstverständlichkeit des Lebens konfrontiert wurde: mit der Sterblichkeit. Genau diese ermöglicht es mir, die Vorzüge und Überraschungen, die das Leben zu bieten hat, zu schätzen. Six Feet Under ist eine Serie, die für jeden einzelnen von uns erschaffen wurde.

Daniel

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