Dogville

Natürlich wäre es in dem Wissen, das Dorf Dogville als symbolisches Amerika einordnen zu können, naheliegend, die Rolle der Grace unter Zwang zu körperlicher Arbeit für Mindestlohn sowie unter entgegenschlagender Anfeindung als die des Einwanderers in den Vereinigten Staaten zu sehen, jedoch stellt das Anwenden einer derartigen Metapher bereits eine zu große Distanz zum Geschehen her. Eine Distanz, welche die Möglichkeit gibt, sich in der Gewissheit, hier etwas politisch Relevantes gesehen zu haben, zurückzulehnen; dabei aber an der zutiefst persönlich offenbarenden Wirkung, die Dogville bietet, vorbeizuarbeiten. Dogville ist viel eher eine emotionale Reise, die wohl jeder für sich selbst erleben sollte, weshalb ich hier keine Ansichtsweisen nahelegen werde, aber hingegen empfehle, sich dem Gezeigten ohne jegliche Verschleierung direkt zu nähern als das, was es darstellen soll.

Formal stellt der Film gerade diesen Versuch vor die größtmögliche Herausforderung: Die Rolle, in die der Zuseher gesetzt wird, lässt sich mit der des blinden Dorfbewohners Jack vergleichen, der zwar weiß, wo sich die Wände und Türen der Häuser befinden, wo Büsche stehen und wie auch alles weitere aufgebaut ist, aber eben nichts davon sehen kann. All das ist für uns lediglich aufgemalt, weiße Linien auf schwarzem Boden, von denen man wohl annehmen würde, sie müssten oben genannte Distanz zwangsläufig herstellen, erinnern sie doch schließlich jede Sekunde daran, hier eigentlich nur Schauspieler in einer Lagerhalle zu sehen. Der Vorwurf, diese scheinbar minimalistische Aufmachung würde über das Konzept gefilmten Theaters, dem sie nachempfunden ist, nicht hinausgehen oder gar Anti-Kino darstellen, ist schwer zu halten. Denn filmt man eine Theateraufführung vor Publikum, nähert man sich dem Geschehen von Außen, während die Kamera in dem Konzept, nach welchem Dogville aufgezogen ist, direkt unter den Akteuren zum Teil des Geschehens wird und dieses von jeder erdenklichen Perspektive zeigt. Generell ermöglicht ihr das Nichtvorhandensein von Wänden eine universelle Bewegungsfreiheit, die über den Film hinweg immer wieder neue Sichtweisen auf ein Setting gibt, welches man bereits ab der allerersten Einstellung (Eine Vogelperspektive über das ganze Filmset) komplett zu kennen glaubt. Besonders hervorzuheben sind einige vereinzelte Einstellungen, in denen man sogar nichts von der Schwarzen Kulisse sieht. Natürlich geht es hierbei darum, durch die Fassade des Dorfes zu blicken, es letztendlich zu entlarven, doch ist in diesem Kontext auch ein weiterer Vorwurf erwähnenswert, der von Trier bereits bezüglich Dancer in the Dark gemacht wurde und der zum Entstehungsprozess Dogvilles beitrug:

Gegen die Behauptung, ein noch nie in Amerika gewesener Regisseur könne nur einen verklärten Blick auf dieses Land haben, verteidigte sich von Trier mit der Aussage, dass ja auch die führenden Köpfe hinter einem Film wie Casablanca nie wirklich in Casablanca waren. Setzt man Dogville in diesen Kontext des klassischen amerikanischen Filmemachens, nach welchem nicht in Amerika angesiedelte Szenarien in der Regel in Studiokulissen gedreht werden, vor welchen Schauspieler so tun als befänden sie sich nicht in einem Studio, sondern einem Ort wie Casablanca, fällt auf, dass Dogville sich davon gar nicht so sehr unterscheidet. Wir sehen Schauspieler in einer dänischen Lagerhalle, die so tun als befänden sie sich in einem amerikanischen Dorf, mit dem einzigen Unterschied, dass hier die Kulisse nicht im Dienst dieser Illusion steht. Stattdessen wird bewiesen, sie auch auf rein emotionalem Weg aufrechterhalten zu können, wofür der Film inszenatorische Mittel anwendet, die nicht nur alles andere als minimalistisch sind, sondern vor allem extrem intensive Wirkung entfalten. Hier wird mit unterschiedlichen Beleuchtungen gespielt, hier wird Musik eingesetzt und auch das kaum allzu beliebte Mittel des Voice-Overs wird dank John Hurt in derart kraftvoller Präzision integriert, dass das Ineinandergreifen all dieser Elemente spätestens bei der Konklusion von Anti-Kino weiter gar nicht entfernt sein könnte.

Lukas

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