Herzensbrecher

Ein mir logisch erscheinender Grund, wieso der ohnehin schon viel gescholtene Xavier Dolan für seinen zweiten Film Les amoures imaginaires besonders viel Kritik einzustecken hat, ist der, dass wir es hier mit seinem radikalsten Film zu tun haben. Der Film ist ein Konglomerat aus allem, was Dolan-Kritiker zu Dolan-Kritikern macht: populäre Musik wird genutzt, um Szenen und Personen zu charakterisieren; filmische Möglichkeiten werden bis zum geht nicht mehr ausgereizt; nicht selten machen die Charaktere einen ziemlich oberflächlichen Eindruck, was durch die Verwendung von Dalidas Bang Bang und Dolans von James Dean inspirierte Frisur noch zusätzlich verstärkt wird. Ich aber behaupte: Les amours imaginaires ist Dolans Opus Magnum.

Bekommen wir es bei anderen Dolan-Filmen mit Darstellungen von persönlichen Schicksalsschlägen zu tun (die Entfremdung von der eigenen Mutter, die Überforderung vom psychisch-kranken Sohn, der baldige Tot u.a.), ist Les amours imaginaires hingegen eher als Essay zu verstehen. Stellt Dolan zu Beginn die Behauptung, nichts sei unvernünftiger als die Liebe, auf, so ist er die weiteren 90 Minuten damit beschäftigt, diese Behauptung filmisch zu begründen: Zum einen beobachten wir Menschen, die sich darüber wundern, dass die Liebe sie soweit gebracht hat, Stalker-Verhalten an den Tag zu legen und geradezu neurotisch ihre Hotmail-Posteingänge zu checken; zum anderen werden wir Zeuge des Entstehens von Begehren. Dolan nutzt hierbei sehr geschickt Zeitlupen, um uns die Empfindungen von Liebe und Verlangen aus den Gesichtern ihrer Charaktere ablesen zu lassen, die in der Realität kaum mehr als Momentaufnahmen sind. Abgesehen von Tom à la ferme ist das der einzige Film, in dem Dolan uns wenig von den Charakteren preisgibt. Vielleicht ist das auch der Grund, wieso vor allem dieser Film auf seine angebliche „MTV-Ästhetik“ beschränkt wird. Was viele aber dabei übersehen ist die Intention Dolans, weniger Schicksale und Individuen, sondern eher Gefühle und ihre Entstehung zu beleuchten. Dafür nimmt er sich sowohl formal als auch narrativ viele Freiheiten: auf der einen Seite Verlangsamungen und musikalische Untermalungen, die die Empfindungen der so stoischen und unnahbaren Charaktere beschreiben (ein Trumpf ist Bang Bang als Leitmotiv), auf der anderen interviewte junge Menschen, die sich über die Willkür ihres Begehrens wundern.

Vermutlich kann man das als inhaltlichen roten Faden von Les amoures imaginaires bezeichnen: Menschen, die sich über ihr unlogisches Begehren, sprich: über die Unvernunft der Liebe wundern. Angeblich sind Gedanken Impulse, was bedeutet, dass wir sie nicht unter Kontrolle halten können, sprich: dass wir mit bloßer Vernunft nicht dagegen ankämpfen können. Wenn das wirklich so sein sollte: Wie können wir dann unser Begehren unter Kontrolle halten? Dolans Antwort: gar nicht. Nach diesem Film bin ich geneigt, ihm zuzustimmen.

Mi ricordo quando noi / eravamo due bambini / e puntavamo le pistole / dai cavalli a dondolo / bang bang / io sparo a te / bang bang / tu spari a me / bang bang / e vincerà / bang bang / chi al cuore colpirà

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La La Land (2017)

Auf den Spannungen zwischen Genre und Epoche stapelt Chazelle seine Auszeichnungen. Auf der breiten Fläche aus klassischem Musical und Postmoderne ist schließlich genügend Platz dafür, eine stabile Brücke verbindet sie, für jeden Fleck findet er einen Weg, ihn zu füllen. Sein Film ist Wiederbelebung und Entwicklung des klassischen Musicals zugleich, die mit Brüchen in der Postmoderne liebäugelt. Beiläufig werden Monogamie, Eskapismus und Selbstreflexivität herausgekramt und dürfen in neuem Licht erstrahlen. Erstere beiden bleiben aber unangetastet, Chazelle sitzt in einem Ledersessel und redet rauchend auf den Zuschauer ein: Weiterlesen

Dogville

Natürlich wäre es in dem Wissen, das Dorf Dogville als symbolisches Amerika einordnen zu können, naheliegend, die Rolle der Grace unter Zwang zu körperlicher Arbeit für Mindestlohn sowie unter entgegenschlagender Anfeindung als die des Einwanderers in den Vereinigten Staaten zu sehen, jedoch stellt das Anwenden einer derartigen Metapher bereits eine zu große Distanz zum Geschehen her. Eine Distanz, welche die Möglichkeit gibt, sich in der Gewissheit, hier etwas politisch Relevantes gesehen zu haben, zurückzulehnen; dabei aber an der zutiefst persönlich offenbarenden Wirkung, die Dogville bietet, vorbeizuarbeiten. Weiterlesen

Six Feet Under

Wenn ich mir diverse Kommentare und Texte zu Six Feet Under durchlese, dann fällt mir auf, wie viele vor dieser Serie kapitulieren und sich zu ihrer Unfähigkeit bekennen, die Serie und das, was sie mit ihr erlebt haben, in Worte zu fassen. Ein ziemlich verständliches Gefühl, denn Six Feet Under ist so universal, dass es einem schwer fällt, seine Gedanken und Gefühle zum Ausdruck zu bringen, ohne dabei ausschweifend zu werden. Weiterlesen

Chasing Amy

Dwight Ewell hält eine Rede gegen Rassismus in der Nerdkultur. Als er auf Widerspruch stößt, holt er kurzerhand eine Knarre hervor und läuft Amok – Alles nur Show, wie sich herausstellt, zur Vermarktung seines „White Hatin‘ Coon“-Comics. Kevin Smith bringt sein mehr als verzerrtes Weltbild bereits in den ersten 10 Minuten auf den Punkt: Das Ankämpfen gegen Unterdrückung ist natürlich nie ernstgemeint und muss ins Lächerliche gezogen werden, anscheinend weil es sowas wie Unterdrückung wohl gar nicht gibt. Natürlich würde man den Sachverhalt mit der Behauptung über Smith, diese gänzlich zu verleugnen, dann doch wieder nicht exakt treffen, handelt es sich bei Chasing Amy doch eigentlich um nichts anderes als eine lächerliche, wutbürgerliche Empörung über etwas, das Smith vermutlich unter dem Begriff „Unterdrückung“ zu verstehen scheint: Weiterlesen

Doctor Strange

Mal wieder wird ein neuer Charakter eingeführt, mal wieder wäre in einem losgelösten Umfeld die Möglichkeit zumindest vorhanden, frischen Wind in das Franchise der immerwährenden Einheitlichkeit zu bringen, mal wieder wurde genau das von überall prognostiziert – und das obwohl sich schon seit Jahren jegliche in diese Richtung gehenden Eindrücke bei Marvel-Filmen wieder und wieder als trügerisch herausgestellt haben. Wer soll den Job übernehmen? Weiterlesen

The Terminator

Es gibt kaum einen Text zu diesem Film, in welchem nicht irgendwo beiläufig erwähnt wird, dass er Kritik am Fortschritt äußere, den Konflikt zwischen dem menschlichen Schöpfer und dessen maschineller Schöpfung behandle oder zu sonst irgendeiner in diese Richtung gehenden Ebene einen Beitrag leiste. Genauso gibt es aber kaum einem Text, aus dem hervorgeht, inwiefern er das denn tue (Obwohl sich durchaus einiges zu dem Thema anbringen ließe) und vor allem, was daran denn überhaupt so interessant sein soll. Letzten Endes bleibt dieser Umstand wohl in den meisten Fällen nichts weiter als der Versuch, die Qualität dieses Films möglichst anhand irgendeines beliebigen Subtextes begründen zu können, was er jedoch gar nicht nötig hat. Denn Terminator leistet auf rein emotionaler Ebene eine Meiterleistung, anhand welcher Cameron bereits sein späteres Jahrhundertwerk Titanic vorwegnimmt. Weiterlesen

One More Time With Feeling

Wenn Nick Cave zu Wort kommt, wirkt er unsicher, so als würde er eigentlich nicht reden wollen. Als würde er nicht das Gefühl haben, dass er durch das Reden das, was in ihm tobt, zum Ausdruck bringen kann. Wenn wir ihm dann beim Musik machen zuschauen, wenn er durch seine Stimme, durch seinen Gesang Gefühlslandschaften erschafft, dann merken wir, wieso er diese Form von Unsicherheit in Interviews ausstrahlt. Weiterlesen